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Über den Vier- zum Zweibeiner

(04.01.2018) Der Firmenname GeneQuine deutet es an: Gentherapie erst fürs Pferd – und dann für den Menschen. Mit diesem Konzept scheint das Hamburger Start-up im Kampf gegen Gelenk-verschleißende Arthrose auf einem guten Weg.
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Die Idee zur Firmengründung hatte Kilian Guse bereits im Kopf, als der studierte Pharmazeut Ende 2012 von seinem Postdoc-Aufenthalt am Baylor College of Medicine in Houston/Texas nach Europa zurückkehrte. Ein knappes Jahr verbrachte er noch als Senior Researcher an der Universität Helsinki, wo er zuvor bereits promoviert worden war – dann realisierte er sie: Im Oktober 2012 gründete er zusammen mit seinem inzwischen Management-erfahrenen, ehemaligen Frankfurter Kommilitonen Stanislav Plutizki die Gentherapie-Firma GeneQuine Biotherapeutics in Hamburg.

In Houston hatte Guse im Labor von Brendan Lee einen helferabhängigen adenoviralen Vektor mitentwickelt und gezeigt, dass dieser zumindest im Mausmodell als Vehikel für gentherapeutische Konstrukte gute Dienste leistete. Ausgehend von diesem Vektor wollte Guse in seiner neuen Firma nun Gelenks-Arthrosen ins gentherapeutische Visier nehmen. Allerdings vorerst nicht beim Menschen, sondern zunächst einmal bei Pferden und Hunden. Denn nicht nur beim Menschen stellt die degenerative Gelenkerkrankung ein bisher unzureichend behandelbares Gesundheitsproblem dar – nein, auch bei Haustieren winkt diesbezüglich ein stattliches Marktvolumen. Zudem bieten Letztere einen nicht zu verachtenden Vorteil, wie Guse erklärt: „Die Entwicklung von Arzneimitteln für Tiere ist deutlich weniger anspruchsvoll als die von Human-Medikamenten. Außerdem ist das Entwicklungsrisiko niedriger und die Kosten sind hundertmal geringer.“

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Folglich konzentrierte sich GeneQuine zuerst auf die Entwicklung des Gentransfer-Vektors GQ-201 zur Behandlung von Arthrose bei Pferden. Das daraus resultierende Konstrukt dringt nach direkter Injektion in das betroffene Gelenk in die Gelenkzellen ein und produziert dort über lange Zeit stabil den Interleukin-1-Rezeptor Antagonist (IL-1Ra), ein anti-inflammatorisches Zytokin. Dieses wiederum sezernieren die Zellen in die Gelenkflüssigkeit, wo es nachhaltig die Entzündungsreaktion hemmt. Dadurch werden nicht nur die Schmerzen gelindert, sondern vor allem wird der für den chronischen Verlauf der Krankheit typische Knorpel-Abbau gestoppt.

GeneQuines Vision von einer Anti-Arthrose-Vektorplattform scheint durchaus aufzugehen. Denn parallel zum Lead-Produkt GQ-201 bastelten die Hamburger bald an einem entsprechenden zweiten Produktkandidaten GQ-202 für Arthrose bei Hunden – und nach einiger Zeit kam auch GQ-203 für den Einsatz in menschlichen Gelenken dazu. Im Februar 2015 erteilte schließlich das Europäische Patentamt GeneQuine das Patent für seine Lead-Produkte, Anfang 2017 zogen die Patentämter Chinas und der Türkei nach. Fast zeitgleich zeichnete der Pharmariese Merck KGgA das Unternehmen mit dem ersten Preis seiner europaweiten Förderauszeichnung „Emerging Biotech Grant“ aus.

Und heute? Während GeneQuine mit den Vektoren GQ-301 und -303 momentan die gezielte Produktion „Gelenk-schmierender“ Proteine bei weiteren muskuloskeletalen Krankheiten von Pferd und Mensch anpeilt, ist die seit 2013 laufende Proof-of-Concept-Studie für das Pferde-GQ-201 inzwischen erfolgreich abgeschlossen.

Den bislang größten Schub dürften Guse und Co. aber kurz vor Weihnachten erhalten haben: Die in Burlington, USA, ansässige Pharmafirma Flexion Therapeutics erwarb die globalen Rechte an GQ-203. Im Rahmen dieser Vereinbarung leistet Flexion eine Vorauszahlung an GeneQuine und zahlt beim Erreichen bestimmter Entwicklungs- und Zulassungs-Meilensteine schrittweise weiter – bis zu einem Gesamtvolumen von 64 Millionen Dollar (knapp 54 Millionen Euro). Ebenfalls Teil der Vereinbarung: GQ-203 heißt von nun an FX201.

Kein Wunder, kommentierte Kilian Guse den Deal in durchaus vorweihnachtlicher Hochstimmung: „Wir sind sehr glücklich, dass Flexion die weitere Entwicklung von GQ-203/FX201 übernimmt – und sind davon überzeugt, dass sie aufgrund ihrer großen Expertise in der Entwicklung von Arthrose-Medikamenten das Programm schnell in die klinische Phase und potenziell auch auf den Markt bringen werden. Gentherapie wurde ursprünglich für Behandlung von seltenen genetischen Krankheiten entwickelt. Wir sind stolz darauf, dass wir jetzt dazu beitragen konnten – und weiterhin werden – dass diese bahnbrechende Technologie auch für weitverbreitete Krankheiten wie etwa Arthrose entwickelt wird.“

Das ursprüngliche Kernkonzept, über den Vierbeiner zum Zweibeiner zu kommen, erwähnte er in diesem Zusammenhang nicht. Es scheint jedenfalls nicht das Schlechteste zu sein.

Ralf Neumann



Letzte Änderungen: 04.01.2018